Auf nackten Sohlen
Falls Sie irgendwo der Schuh drückt, probieren Sie's doch mal ohne: Barfußlaufen ist trendy, stärkt die Abwehrkräfte, massiert die Seele und schenkt Ihnen und Ihren Füßen unvergessliche Erlebnisse. Laufen Sie los!

Schuhe liebe ich über alles. Ich habe einen ganzen Schrank voll davon. Stiefel, Halbstiefel und Stiefeletten. Plateaus und Stilettos, Mokassins und Ballerinas. Ich bin sehr stolz auf meine Sammlung. Eine Woche lang könnte ich dreimal am Tag die Schuhe wechseln und müsste dabei kein einziges Paar zweimal tragen. Und ganz unten im Schrank ist noch ein Fach. Da schaue ich nur rein, wenn ich alleine bin. Darin sind wunderschöne Pantoletten, Flip-Flops, Sandalen und Sandaletten. Die nehme ich heraus, drehe sie hin und her, spiele mit den Schnallen. Aber ich ziehe sie nicht an. Nie. Niemals. Denn schöne Schuhe habe ich zwar jede Menge - schöne Füße habe ich jedoch nicht. Meine Fersen sind verhornt, ich führe einen ständigen Kampf gegen Hühneraugen und meine kleinen Zehen sind merkwürdig nach innen verwachsen. Ich bin nicht verklemmt. Trotzdem zeige ich meine nackten Füße nicht mal meinem Mann.
In meiner Kindheit war das anders. Ganze Sommer lang sind wir barfuß herumgelaufen. Über warmen Asphalt und Schotterwege, durch matschige Pfützen und staubtrockene Stoppelfelder. Unsere Füße waren braungebrannt und wohlgeformt, ohne eine Spur von Schwielen. Es war uns nie kalt und wir hatten keine Schweißfüße. Woran lag's?
In der Society for Barefoot Living haben sich überzeugte Barfüßler aus über fünfzig Ländern zusammengeschlossen, um für einen schuhfreien Lebensstil zu kämpfen. Für die Verfechter nackter Füße gibt es kaum ein Leiden, das sich durch konsequentes Barfußlaufen nicht beheben ließe: Verformte Zehen sollen wieder gerade werden, Plattfüße wieder zu ihrer eigentlichen Form zurück finden, hartnäckige Fußpilzinfektionen nach einigen Wochen verschwinden. Die Füße werden angeblich besser durchblutet und dadurch weniger kälteempfindlich. Sogar Haltungsschäden sollen durch regelmäßiges Barfußlaufen verschwinden.
Solche Behauptungen wurden lange Zeit als weltfremd und irrational belächelt. Doch nun erhalten die Barfußläufer für ihre Überzeugungen Unterstützung aus der Wissenschaft. Denn der Fußspezialist John Fisher und dessen Kollegen vom Oregon Research Institute bestätigen in einer kürzlich veröffentlichten Studie die heilsame Wirkung des Barfußlaufens. Aufmerksam wurde Fisher auf das Thema während einer Chinareise. Mitten in den beiden Weltmetropolen Peking und Schanghai beobachtete er, wie Menschen aller Altersgruppen barfuß auf speziell angelegten Pfaden aus Flusssteinen spazieren gingen - etwa dreißig Minuten täglich. In der traditionellen chinesischen Medizin geht man seit jeher davon aus, dass die Bewegung auf unebenen, natürlichen Böden bestimmte Akupunkturpunkte an den Fußsohlen anregt - ähnlich wie bei der Reflexzonenmassage.
Zu Hause im Labor ließen Fisher und sein Forscherteam Versuchspersonen über einen Zeitraum von vier Monaten dreimal pro Woche eine Stunde lang auf einer Nachbildung der chinesischen Pfade hin und her laufen. Am Ende ergaben sich für diese Probanden deutlich verbesserte Gesundheitswerte gegenüber einer Vergleichsgruppe: der Blutdruck war gesunken, sie hatten einen viel besseren Gleichgewichtssinn und ihr Gemütszustand hatte sich deutlich verbessert. Mittlerweile ist der Trend auch bei uns angekommen. In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind in den vergangenen Jahren so genannte Barfußparks entstanden - eigens hierfür angelegte Parklandschaften, die man auf nackten Sohlen durchstreifen kann. Neben den verschiedensten natürlichen Böden gibt es dort auch spezielle Fühlpfade. Und die bringen einem Kindheitserinnerungen zurück - da kann man über Baumstämme balancieren, durch Rindenmulch streifen oder sich vorsichtig über Fichtenzapfen oder Kies vorantasten. Vorsicht allerdings vor zu großem Enthusiasmus: Der erste Barfußausflug sollte nicht länger als zwei bis drei Stunden dauern, denn die Füße müssen sich an ihre wiedergewonnene Freiheit erst gewöhnen. Viele Parks bieten spezielle Veranstaltungen an: Erlebnisführungen, romantische Fackelwanderungen bei Vollmond oder sogar Schneetreten im Winter. Der Eintritt ist in vielen Barfußparks frei.
Im Alltag aber müssen wir leider fast immer Schuhe tragen. Dieses Problem erkannte auch der Schweizer Maschineningenieur Karl Müller. Wie bei Fisher kam auch seine Inspiration aus Asien. Auf barfüßigen Spaziergängen durch die federnden Reisfelder Südkoreas verschwanden seine Gelenk- und Rückenschmerzen. Wieder daheim, entwickelte er einen Schuh, der die Vorteile des Barfußlaufens simuliert. In fünfjähriger Forschungsarbeit entstand die "Masai-Barfuß- Technologie". Statt den Fuß zu stützen entzieht der Schuh ihm durch eine spezielle Sohlenkonstruktion den gewohnten Halt. Dadurch wird unser Körper ermutigt, wieder selbst aktiv zu werden und das ständige Ungleichgewicht zu harmonisieren. Erste Studien aus Kanada, Großbritannien und der Schweiz deuten darauf hin, dass die Masai-Schuhe tatsächlich die Gelenke entlasten und so Fehlhaltungen und Muskelverspannungen verringern können. Ein Wort der Warnung muss dennoch sein: In meiner Schuhsammlung fallen die Masai-Schuhe ungefähr so auf, wie Großmutters lange Unterhosen zwischen edlen Dessous.
Ich werde den Sommer deshalb lieber mit ausgiebigen Wanderungen in Barfußparks verbringen. Und wenn der Urlaub vorbei ist, dann werde ich mutig sein und all die Sandalen und Sandaletten aus dem untersten Fach tatsächlich anziehen. Wenigstens, wenn ich alleine bin.
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